1.Wahre Schoenheit und Authentizitaet koennen nicht durch kuenstliche Ersatzmittel ersetzt werden
2.Echte Treue ueberdauert oberflaechliche Bewunderung, wie die echte Nachtigall zurueckkehrt, als der Kaiser sie am meisten braucht
3.Die Geschichte wurde inspiriert von Andersens unerwideter Liebe zu Jenny Lind
Die Nachtigall
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In China stand der Palast des Kaisers, der praechtigste der ganzen Welt. Er war aus dem feinsten Porzellan, so zart und schoen, dass man sehr vorsichtig sein musste, es nicht zu beruehren. In den Garten wuchsen die wunderbarsten Bluemen, und die schoensten von allen waren mit kleinen Silbergloeckchen verbunden, die so lieblich klangen, dass die Vorbeigehenden nicht umhin konnten, sie zu bemerken. Hinter den Gaerten erstreckte sich ein grosser Wald, und in diesem Wald lebte eine kleine Nachtigall, deren Gesang so schoen war, dass selbst der arme Fischer innehielt, um zuzuhoeren. Reisende aus jedem Land kamen, um sie singen zu hoeren.
Eines Tages las der Kaiser von dieser Nachtigall in einem Buch. Er befahl seinen Hoeflingen, den Vogel zu finden. Nach langer Suche fuehrte ein kleines Kuechenmaedchen sie in den Wald. Die Nachtigall stimmte zu, an den Hof zu kommen, denn sie sang am besten, wenn sie frei war. Als sie am Hof sang, war der Kaiser so geruehrt, dass ihm Traenen in die Augen kamen. Erklaerte die Nachtigall zum groessten Schatz seines Reiches und bot ihr eine goldene Stange und seinen goldenen Schuh an, aber die Nachtigall lehnte ab und sagte, die Traenen in den Augen des Kaisers seien ihr Lohn.
Nicht lange danach schickte der Kaiser von Japan ein praechtiges Geschenk: eine mechanische Nachtigall, besetzt mit Diamanten, Rubinen und Saphiren. Der kuenstliche Vogel sang denselben Walzer vierunddreissig Mal ohne Unterbrechung und sah weit praechtiger aus als der schlichte graue echte Vogel. Die Hoeflinge und der Kaiser waren begeistert von dem Uhrmacher-Vogel. Die echte Nachtigall, vernachlaessigt und vergessen, flog davon. Niemand bemerkte, dass sie gegangen war.
Ein ganzes Jahr verging. Eines Abends, als der Uhrmacher-Vogel seinen brillantesten Passagen spielte, gab es ploetzlich einen Knall und ein Schwirren. Etwas im Vogel war gebrochen. Der Uhrmacher untersuchte den Vogel und sagte, seine Zaehnrader seien abgenutzt und koennten nicht repariert werden. Der Vogel konnte nur noch einmal im Jahr gespielt werden.
Der Kaiser wurde ohne seine Musik traurig. Dann, an einem kalten Winternacht, lag der Kaiser schwer krank in seinem grossen Bett. Der Tod selbst sasz auf der Brust des Kaisers und trug seine goldene Krone. Der Kaiser japste nach Atem und schrie nach Musik. Aber der mechanische Vogel war stumm.
Da kam durch das offene Fenster der herrlichste Gesang. Die echte Nachtigall hatte von der Krankheit des Kaisers gehoert und war gekommen, um fuer ihn zu singen. Ihr Gesang war so schoen, dass selbst der Tod zuhoerte. Sie sang vom friedlichen Kirchhof, wo weisse Rosen bluehen und die Sonne die Erde waermt. Der Tod sehnte sich nach seinem Garten und erhob sich langsam von der Brust des Kaisers. Der Kaiser genas und dankte der Nachtigall von ganzem Herzen. Er bat sie, fuer immer zu bleiben. Aber die Nachtigall sagte, sie koenne nicht im Kaefig leben. Sie wuerde kommen und frei singen, auf dem Ast vor dem Fenster des Kaisers, singen von denen, die gluecklich sind, und denen, die leiden. Sie bat nur um eines: dass der Kaiser sie in seinem Herzen behalte.
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